Wilder Westen

Als „Chefindianer“ war er aus dem Wilden Westen der DDR nicht wegzudenken – wieso eigentlich? Ein Interview mit Gojko Mitic über den Schweiß von Prärieindianern, Unrecht und den Wert von Bruchhammern

Das Thema des aktuellen „Der Wedding“-Heftes lautet Westen …

Gojko Mitic: … und ich bin der Wild-West-Mann.

Warum lösten die Defa-Indianerfilme in der DDR eine solche Begeisterung aus?

Mitic: Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war es im Westen genauso mit den Karl-May-Filmen. In der DDR haben sie auch überlegt in diese Richtung etwas zu machen, aber die Rechte waren schon verkauft. Da haben sie die Bücher von Liselotte Welskopf-Henrich als Vorlage genommen, einer Schriftstellerin, die im Unterschied zu Karl May tatsächlich bei den Indianern gewesen ist. Sie etwas über sie erfahren, konnte ihnen zuhören und das, was sie dort erlebte, hat sie aufgeschrieben. und ich glaube, es lag daran, dass die Häuptlinge, die ich gespielt habe, wirklich gelebt haben: Osceola, Tecumseh oder Ulzana – das waren alles historische Persönlichkeiten. Bei Karl May waren das ja Fantasiefiguren.

Und wie wurden sie Häuptling Tokei-ihto?

Mitic: Die Defa-Leute sind nach Jugoslawien gefahren, wo ich ich geboren bin. Dort wurden auch die Karl-May-Filme gedreht, weil es die entsprechende Landschaft gibt. Da haben sie mich gefunden.

Und in den folgenden Jahren avancierten Sie zum „Chefindianer“ der DDR?

Mitic: Ich brachte das mit, was so eine Rolle braucht. Vom Typ her dunkelhäutig, sportlich – manchmal spielte ich ja auch mit freiem Oberkörper. Vielleicht hatte ich etwas, das wie ein Indianer sein sollte, wie er reitet, wir er springt, wie er redet, seine Haltung, keine großen Bewegungen. Ich konnte jeden Stunt selber machen. Und das ist natürlich für den Zuschauer näher und dramatischer. Die Kleidung war nachher auch dreckig. Viele Jungs dachten vielleicht: So will ich auch sein. Außerdem habe ich von meinem Vater den Sinn für Gerechtigkeit geerbt. Wenn irgendwem Unrecht geschieht oder jemand verprügelt wird, kann ich nicht weggucken. Was mit dem Volk der indianer oassiert ist, der Genozid, das kann kein Mensch wiedergutmachen.

Ungeachtet Ihre Kultstatus: Warum gingen die Menschen in der DDR massenhaft in die Kinos, um die Defa-Indianerfilme zu sehen?

Mitic: Vielleicht lag es an diesem Schicksal, das den Indianern im Wilden Westen passiert ist. Aber sicherlich war es auch der Bedarf nach Abenteuer, der Bedarf nach Draußen zu schauen, über die Grenzen. Man fühlte sich wie eingesperrt und wenn man ins Kino ging, dann war man weg. Das war wie eine Befreiung. Von 17 Millionen Einwohnern hatten wir allein mit „Die Söhne der großen Bärin“ fast elf Millionen Zuschauer. Das ist nicht mehr zu toppen.

Sie waren ein Idol…

Mitic: Ja, das ist komisch, auch in Russland oder der ehemaligen Sowjetunion: Ich war vor kurzem als Ehrengast eingeladen auf einem Theater- und Filmfestival im russischen Jekaterinenburg. Dort waren die Menschen genauso begeistert wie damals in der DDR, vielleicht noch mehr. Ein Schauspielkollege sagte zu mir: ‚Ich freue mich dich kennenzulernen, es ist deine Schuld, dass ich Schauspieler geworden bin.’ Ein Anderer kam und sagte: ‚Danke dir für meine Kindheit.’ Mehr kann man sich nicht wünschen. Damals nach meinem ersten Film habe ich gedacht: Eine Eintagsfliege, mehr nicht. Aber es kamen weitere Filme. Das war so überwältigend, dass ich es selbst nicht begreifen konnte. Anfänglich waren manche Genossen nicht so sehr einverstanden und sagten: Was sollen wir mit den Indianern? Wir haben andere Aufgaben hier: über die politische Wahrheit zu reden und den Alltag zu zeigen. Bis dann Walter Ulbricht den ersten Film bestellt hat und wissen wollte, warum die Leute freiwillig ins Kino gehen und warum so viele. Er hat er ihn sich angeguckt und meinte: ‚Weiter so, weiter so’.

Haben Sie sich in Ihrer Rolle als Indianerhäuptling, der gegen die westlichen Siedler kämpft, von der DEFA ideologisch vereinnahmt gefühlt?

Mitic: Eigentlich nicht. Ich hatte meine klare Vorstellung, sagte immer meine Meinung. Wie wir Indianerfilme machten, fand ich ok. Mittlerweile machen selbst die Amerikaner Filme in die Richtung – die auch die Perspektive der Besiegten zeigen. Früher waren die Indianer die Bösen, auf die man schießen soll. So habe ich das als Kind erlebt, als  kleiner Junge in Jugoslawien. Wenn ich ins Kino ging, war John Wayne unser Held. Wir haben schon bei seinem ersten Auftritt applaudiert: ‚Jetzt gibt er es den Indianern!’ Und später dachte ich: Moment, hier stimmt etwas nicht: Schreibt hier der Sieger die Geschichte? Das ist bis heute so.

Wie meinen Sie das?

Mitic:Es gibt heute eine Tendenz, den Fehler, dass man die DDR auf die Stasi reduziert. Aber diese Menschen haben auch etwas geleistet, die haben gelebt und geliebt, auch geweint. Die Jahre kann man den Leuten nicht wegnehmen. Diese schrägen Vorbilder heutzutage – wie Lady Gaga mit ihrem Haufen Speck als Kleid – da waren die Figuren aus den Indianerfilmen noch richtige Vorbilder.

Wie standen Sie zu den Indianern?
Mitic: Karl May hat mein Interesse an Indianern in meiner Kindheit geweckt. In Jugoslawien, wo ich geboren bin, waren die Bücher schon übersetzt. Aber mein Blick auf die Problematik der Indianer kam erst durch die Bücher von Welskopf-Henrich. Die haben ja auch eine Botschaft: Dass man sich solidarisch mit diesem Volk fühlt. Dass was mit ihnen passiert ist, darf sich nicht wiederholen.

Sie haben selbst mal Sioux-Indianer getroffen – wie war die Begegnung?

Ich war 2001 bei den Sioux in Süd-Dakota und Montana wegen eines Fernsehporträts. Ich hatte zwei meiner Filme mitgenommen und war selbst neugierig, wie sie reagieren würden. Es hat mich gefreut, dass wir dort gedreht haben. Die Indianer haben mich aufgenommen als einer von ihnen. Ich war ihr Held. Ich denke, das lag auch daran, dass die Filme authentischer sind und nicht nur vom Abenteuer ausgehen. Wir haben immer versucht, nicht nur das Geschehen nachzuzeichnen, sondern auch bis ins Detail mit der Wirklichkeit übereinzustimmen.

Wie verkörpert man einen Indianer authentisch?

Mitic: Winnetou (gespielt von Pierre Brice, Anm. der Redaktion) trägt in den Karl May-Verfilmungen zum Beispiel ein Prärieindianerkostüm aus Leder mit Perlenstickerei. Wenn das ein Indianer in Arizona tragen würde, würde er sich totschwitzen. Aber es sieht schöner aus. In dem Film „Apachen“, für den Gottfried Kolditz und ich gemeinsam das Drehbuch geschrieben haben, haben wir darauf geachtet, dass das, was ich an habe, auch so aussieht wie bei den Apachen. Die waren ärmlicher, ihre Kleidung nicht so schön verziert.

Das heißt, die Karl-May-Verfilmungen sind nicht authentisch?

Mitic: Die Karl-May-Filme basierten auf seinen Büchern, doch May war nie bei den Indianern. Hut ab. Der Mann hatte eine Fantasie, mit der er die Abenteuer auf Papier gebracht hat. Aber das ist wahrscheinlich auch sein eigentliches Problem gewesen: Er war ein schmächtiges, schmales Männlein und wollte große Taten vollbringen. May wollte Old Shatterhand sein – wo der zuschlägt, wächst kein Gras mehr. Und dann hatte er noch seinen Freund Winnetou. Aber eine solche Figur kann es bei den Indianern nicht gegeben haben. Ich bewundere seine Eigenschaften wie Nächstenliebe oder Frieden, aber die historischen und sozialen Bedingungen dafür lagen nicht vor. Es kamen immer mehr Weiße, denn es gab Land und man konnte schnell reich werden. Am Anfang haben die Indianer die ersten Leute noch gerettet und ernährt im Winter. Aber dann wurden sie immer mehr zurückgedrängt und haben gekämpft. Und eine Figur wie Winnetou passt nicht, ein bisschen Abenteuer und immer Friede, Freude, Eierkuchen. Das eigentliche Problem war der Kampf um Leben und Tod.

Wie sind die Indianer denn wirklich?

Mitic: Die Indianer hatten ja keine andere Chance als ihren Lebensraum zu verteidigen. Dieses Gedankengut der Indianer, das ich heute kenne, begeistert mich. Zum Beispiel wenn ein Indianer sagt: ‚Wir denken an die siebte Generation nach uns.’ Oder wie Indianer die Natur betrachten. Ein Indianer nahm von der Natur, was er brauchte, mehr nicht. Sie sehen die Erde als Mutter, die sie so erhalten und der nächsten Generation hinterlassen müssen, wie sie sie vorgefunden haben – oder möglichst besser. Zum Beispiel sagte eine Sioux-Indianerin mir: ‚Es ist so töricht in eurer Gesellschaft. Ihr rennt dem Geld hinterher, bis ihr soviel habt, dass ihr gar nicht mehr so lange leben könnt, um es auszugeben.’

Wie sieht der Lebensabend eines Indianers aus?

Mitic: Ich bin ein Kettensägenführer. Ich kann in den Wald gehen und darf einen Baum fällen. Ich schwimme jeden Tag, ich brauche Bewegung. Ich habe ein bisschen Geld angespart und baue gerade ein Haus in Köpenick. Im Garten war noch ein Stück Betonfundament, das mich gestört hat. Da habe ich selbst mit einem Bruchhammer – det-det-det – alles weg gehauen. Das war noch Beton von vor dem Krieg: blau und hart wie Porzellan. Man muss nur einen starken Willen haben, dann schafft man es auch.

Infokasten

Gojko Mitic wird 1940 in Leskovakc im damaligen Jugoslawien geboren. Im Alter von 20 Jahren arbeitet der Sportstudent als Stuntman in deutschen, italienischen und englischen Filmen. Er spielt kleine Rollen in Karl-May-Verfilmungen, als ihn das DDR-Filmunternehmen DEFA  (Deutsche Film AG) 1965 als Protagonisten für den ersten Indianer-Streifen „Die Söhne der großen Bärin“ engagiert. Mitićwird zum „Winnetou des Ostens“. Aufgrund des großen Erfolges werden bis 1984 elf weitere Indianerfilme gedreht. Die Verfilmungen basieren auf Klassikern der ostdeutschen Jugendliteratur, den Romanen der Schriftstellerin und Althistorikerin Lieselotte Welskopf-Henrich. Nach dem Mauerfall übernimmt Mitićbis 2007 die Rolle des Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Insgesamt gibt er 1024 Vorstellungen.

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