Urbane Mini-Gärten

Ihre Sehrsucht nach Natur kompensieren Berliner gern mit grün-strotzenden Bordsteinidyllen. Mit ein bisschen Glück trösten sie bis weit in den Herbst

Anarchisches Treiben auf den Gehwegen der Metropole: Kleine Instant-Vorgärten sprießen aus den grauen Plattenwegen hervor. Aus vermüllten, von Hunden verdreckten „Baumscheiben“ – wie die Beete um die Bäume im offiziellen Beamtenjargon heißen – werden kleine grüne Bordsteinparadiese. Von Jahr zu Jahr entstehen mehr davon. Sagen wir so: Es gibt fragwürdigere Moden. Die radikalere Version des Begrünens urbaner Flächen kommt aus New York: Guerilla Gardening. Dort trafen sich konspirative Verfechter des Grünzeugs, bewaffnet mit Spitzhacke und Schaufel, um Sonnenblumen im Central Park anzupflanzen. Ähnlich illegales Treiben mit verheerend grünen Auswirkungen wurde in London gesichtet. Mit Parolen wie „Eine andere Welt ist pflanzbar“ formiert sich jetzt auch eine Protestbewegung in Deutschland. Noch sind es freilich nur vereinzelte illegale Bepflanzungen andeuten: Cannabis in städtischen Blumenkästen in Tübingen oder ein Radieschenbeet auf den Münchener Theresienwiesen.

Garten-Guerillas sehen ihre politischen Aktionen als spezielle Form der Street Art, die bekanntlich den urbanen Raum mitgestalten will. Die ersten Vorläufer in Berlin sind zwar noch harmloserer Natur, dennoch mahnt das Grünflächen-Amt schon mal drauflos: „Die kleinen Zäunchen stellen eine Gefahrenquelle dar.“ Die sichere Alternative sei, eine Baumpatenschaft zu übernehmen. Doch damit sind die Tatendurstigen nicht mehr zu überzeugen. Sie setzen vielmehr auf den Nachahmungseffekt. Ist erst mal das Bordsteinbeet angelegt, wollen die Nachbarn links und rechts des Hauses nicht nachstehen, so die Erfahrung. Wenn’s so weitergeht, werden die Anarcho-Gärtlein bals durch die ganze Stadt mäandern.

Bildunterschrift:
Schilder und Warnhinweise verteidigen das Idyll und appellieren an das grüne Gewissen. Die selbstgebauten Zäune entsprechen natürlich nicht den Din-Vorschriften und beschäftigen schon die Ämter. Dabei könnten die eigentlich froh sein, dass ihnen die heimlichen Gärtner Arbeit abnehmen.

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