Im Namen des Gesetzes

Körperverletzung, Diebstahl und Vandalismus – wie weiter mit Jugendlichen, die straffällig geworden sind? Beim Sozialen Training sollen sie sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinander setzen. Ein Besuch

Eine dunkle Gestalt mit schwarzer Jacke und Kapuze zischt mit einem BMX-Rad eine Straße in Berlin-Pankow hinab und bremst abrupt vor der Hausnummer 21. Max*, 20, kommt seit fünf Monaten einmal in der Woche zum Sozialen Training hierher.

„Findest du cool, was du da machst?“

Es ist seine letzte Stunde im gemeinnützigen Pfefferwerk, einem sozialen Dienstleistungsunternehmen. „Dann bin ich endlich wieder frei“, sagt Max mit einem schelmischen Lächeln. Er ist ein hochgeschossener junger Mann mit breiten Schultern, sportlicher Figur, trägt dunkelblonde kurze Haare und einen leichten Kinn- und Oberlippenbart. Ein hübsches Gesicht, eines, das in der Bravo unter der Rubrik Single-Boys wahrscheinlich eine Menge Zuschriften von Mädchen bekommen würde. Wenn er erzählt, gestikuliert er in ausladenden Armbewegungen mit abgespreizten Fingern, im Rapper-Gestus.

Auf die Frage, warum er hier ist, wird er kleinlauter. Seine aufrechte Haltung sackt in sich zusammen. „Am liebsten würde ich das selbst gar nicht mehr wissen.“ Eigentlich wollte er überhaupt nicht über sein Delikt sprechen. Mit hängendem Kopf nuschelt er auf die Tischplatte. „Körperverletzung. War ein Beziehungsstreit mit meiner Freundin. Aber auf übelste Art und Weise. Da ist etwas passiert und dann hat sie mich dreimal angezeigt.“ Das „etwas“ möchte er nicht genauer ausführen. Als seine Freundin ihn zum dritten Mal anzeigte, war er 17 Jahre alt.

Die Strafmündigkeit beginnt in Deutschland mit 14 Jahren. Ab dann können Minderjährige vor einen Jugendrichter geführt und verurteilt werden. Ist ein junger Mensch mehrmals straffällig geworden, kann der Richter entscheiden, ihn entweder ins Gefängnis zu schicken oder ihm eine pädagogische Maßnahme aufzuerlegen, damit er sein Verhalten ändert. Max bekam die richterliche Weisung, an einem Sozialen Training teilzunehmen. Sechzehn Gruppentreffen und vier Einzelgesprächstermine innerhalb von vier bis fünf Monaten.

Max richtet sich wieder auf. Er wisse nun, was er anders machen würde. „Einfach nicht gleich drauflosschlagen, sondern erst mal reden. Nach dem Warum, Weshalb, Wieso fragen. Was habe ich davon? Als würde ich vorm Spiegel stehen: Findest du cool, was du da machst?“

„Wie kriegen wir den Dicken da drüber?“

„Alternative Handlungsoptionen in brisanten Situationen finden“ – so nennt es der Trainer von Max, Marc Polishuk. Der Sozialpädagoge ist 39 und macht das Training seit fast vier Jahren.

Die meisten Teilnehmer sind Männer, sie haben alles Mögliche ausgefressen: neben Körperverletzung auch Sachbeschädigung, Vandalismus, räuberische Erpressung, so genanntes „Abziehen“, Diebstähle bis hin zu Einbrüchen. Eine Gruppe besteht aus bis zu neun Teilnehmern. Es ist vor allem ideal, wenn sie unterschiedlichster Herkunft sind, sagt Polishuk: „Es ist immer schön, wenn wir hier in der Gruppe einen Türken, Deutschen, Araber, Schwarzen, Nazi und einen Punk haben. Weil die dann merken: Der sieht zwar anders aus, aber der hat dieselben Probleme wie ich auch.“

In verschiedenen Übungen erarbeitet er mit den Teilnehmern neue Verhaltensmuster. Der „Gefängnisausbruch“ gehört zu den Klassikern: Ein gespanntes Seil symbolisiert die Gefängnismauer, die es gemeinsam, aber ohne Berührung zu überwinden gilt. „Interessant wird es dann, wenn zum Beispiel einer dabei ist, der ein bisschen schwerer ist als die anderen: Wie kriegen wir denn jetzt den Dicken da drüber?“

In den Übungen kristallisieren sich schnell Rollen heraus, erklärt Polishuk: der Ideengeber, der Anführer, der Mitläufer, der Saboteur. Über die setzen sich die Jugendlichen dann selbst auseinander: Warum hast du nicht richtig mitgemacht? „Sie sollen lernen, sich selbst zu regulieren“, sagt Polishuk. Sie müssen lernen Trainingsregeln einzuhalten wie Pünktlichkeit, Mitwirkung. Aber sie werden nicht belehrt oder bestraft. „Wir arbeiten ressourcenorientiert, das heißt, wir fördern die Jugendlichen in ihren Stärken – was sie nicht können, das haben sie schon oft genug gehört.“

Es geht um Problemlösungen und Gruppendynamik sowie um Selbst- und Fremdeinschätzung. Die lernen die Teilnehmer beispielsweise, indem sie sich selbst Eigenschaften zuordnen und auf einen Zettel kleben: „gespächsgewandt“, „cool“, „kommunikativ“… Anschließend kleben die anderen auf die Rückseite Eigenschaften, die sie mit demjenigen in Verbindung bringen. Dann wird verglichen.

Was sich einfach und lustig anhört, ist für viele der Teilnehmer eine große Herausforderung. Immer wieder gibt es Jugendliche, die sich nicht auf das Training einlassen können und nicht mehr kommen. Die Konsequenz kann dann ein Beugearrest sein und eine erneute Auflage zum Sozialen Training.

Max, der zuerst zu den Teilnehmern gehört hat, die keine Lust auf das Training hatten, entwickelte sich zu einem Ideengeber. Wenn die anderen desinteressiert sind, feuert er sie an: „Was sitzt ihr hier rum? Wir sind hier, um etwas zu lernen, was unsere Eltern uns nicht klargemacht haben. Haltet eure Gusche und guckt mal auf’m Tacho, wie spät es ist, also lasst uns weitermachen.“

„Man lebt nur einmal“

Als er am Ende der letzten Stunde sein Resümee aus dem Sozialen Training zieht, strahlen seine Augen. Mit durchgestrecktem Rücken steht er in der Mitte des Raumes und spricht mit deutlicher und fester Stimme: „Ich bin ein anderer Mensch geworden. Ich kriege mehr auf die Reihe, habe weniger Stress. Vorher war ich faul, hatte keine Lust, mir war alles egal.“

Er will seine Ausbildung in Metallbau abschließen. Aus der ersten Ausbildung ist er nach neun Monaten rausgeflogen: „Weil ich angeblich meine Arbeit nicht gemacht habe.“ An dieser Stelle schaltet sich Trainer Polishuk noch einmal ein: „Ist das so? Vielleicht kannst du das jetzt noch einmal anders reflektieren.“ Max bleibt bei seiner Version, dass es nicht seine Schuld gewesen ist, und Polishuk belässt es dabei, hakt nicht weiter nach und stellt ihn nicht bloß.

Max geht jetzt ins Fitness-Studio – für seinen „inneren Frieden“. Er ist in eine neue Wohnung gezogen und ist zufrieden mit seinem jetzigen Leben. „Mir ist klar geworden, dass ich mit meinen Dingen, die ich gemacht habe, nicht weiterkomme. Ich erreiche damit nichts. Man lebt nur einmal und da sollte man soviel draus machen, wie es geht.“

Dann muss er los. Mit seinem BMX verschwindet Max in der schwarzen Nacht. Er hat noch etwas vor. Er will sich um seine neue Wohnung kümmern.

* Name von der Redaktion geändert

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