Im Märzen der Bauer den Grubber einspannt

Was ist noch übrig von dem Volkslied? Martin Krist ist landwirtschaftlicher Betriebsleiter auf dem Gut Neu-Hemmerich. Ein Tag auf dem Acker

„Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt, er setzt seine Felder und Wiesen in Stand“ – so heißt es in einem Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Im Grunde genommen ist es auch so geblieben, nur ohne Pferde und mit mehr Technik. An einem Märztag in Frechen-Bachem rumpelt ein Traktor in eine feine Staubwolke gehüllt gemächlich, aber stetig über den Acker und zieht eine Spur aufgeworfener dunkler Erde hinter sich her.

Ihr satter Geruch liegt in der Luft. In gebührendem Abstand warten Krähen, um sich bei der Suche nach Regenwürmern auf die frisch gegrubberte, also aufgelockerte Erde zu stürzen. „Krähen mag ich nicht, denn die Regenwürmer sind meine Freunde und besten Mitarbeiter“, kommentiert Martin Krist mit leicht grollendem Unterton das Schauspiel.

Er sitzt hinter dem Lenkrad des Traktors, berührt es aber nicht, sondern tippt auf leuchtende kleine Bildschirme und digitale Anzeigen schräg über seinem Kopf. GPS-gesteuert rollt der Traktor im Automodus über den Acker, seine Position wird in Vogelperspektive auf einem Bildschirm angezeigt. Zentimetergenau kann Krist ablesen, bis zu welcher Stelle er den Acker am Vortag bearbeitet hat.

Martin Krist, 41 Jahre, sonnengebräunt, den rotblonden Bart und das lichter werdende Haar stoppelkurz rasiert, ist kein Mensch für halbe Sachen. Mit seiner zupackenden Art, in brauner Cargohose und Arbeitsschuhen samt Stahlkappen, ist er genau da, wo er immer sein wollte. Draußen auf dem Feld. Als Bauer. Wobei die Bezeichnung Bauer im Grunde ein wenig verkürzt ist. Er ist landwirtschaftlicher Betriebsleiter auf dem Gut Neu-Hemmerich.

Das Gut gehört dem Frechener Cornel Lindemann-Berk, dessen Familie einen Bauernhof mit 40 Mitarbeitern unterhielt. Als Lindemann-Berk den Hof 1987 übernahm, war davon nicht mehr viel übrig – die Gärtnerei war der Ölkrise zum Opfer gefallen. Die meisten Gebäude standen leer, der Heuboden von 1870 lag brach. Lindemann-Berk spezialisierte sich auf Ackerbau und modernisierte. Der Heuschober dient nun als Kartoffellager, das auf 5,5 Grad Celsius gekühlt und in grünes Licht getaucht ist, damit die Kartoffeln nicht austreiben. Der Gutsbesitzer ist heute vor allem zuständig für „Buchhaltung, Bilanzen und Bauten“.

Martin Krist ist seine rechte Hand, sozusagen der Mann fürs Grobe. Er kümmert sich um die eigentliche Landwirtschaft, das Bestellen der Felder. Aber er ist auch der Mann für die Feinjustierung, die Planung und den Einkauf von Saatgut sowie die Qualität des wichtigsten Produkts auf dem Gut – der Kartoffel. Vom Anbau über die Ernte bis zur hofeigenen Abpackung, um sie regional an Supermarktketten und im Hofladen zu verkaufen.

Schon als Schuljunge hat Martin Krist die Erntezeit immer auf dem Hof seine Onkels in der Nähe von Kerpen verbracht. „Am Anfang hieß es immer noch: Kommste? Später nur noch: Wann kommste?“, erinnert er sich. Er wollte Bauer werden, daran gab es nie einen Zweifel. Doch der Hof seines Onkels war wie die meisten Familienbetriebe zu klein und nicht rentabel. „Heutzutage muss man intensivieren und sich vergrößern, sonst kann man keine Familie davon ernähren“, stellt er pragmatisch fest.

Krist studierte Landwirtschaft an der Uni Bonn, arbeitete als landwirtschaftlicher Berater und als Verwalter in Ostfriesland – „aber der Drang, wieder auf dem Trecker zu sitzen, war stärker“. So fing er als Betriebsleiter auf dem Gut Neu-Hemmerich an. Dort hat er alles – einen Hof und eine Familie, die mit auf dem Gut wohnt. Um halb sieben steht er auf, bespricht sich mit dem Chef, macht die Maschinen startklar und fährt aufs Feld. Nachmittags geht es wieder raus, um zu grubbern und zu düngen. Zur Erntezeit ist er manchmal bis fünf Uhr morgens unterwegs, dafür ist im Winter weniger zu tun.

Krist kniet auf dem frisch gegrubberten Acker und lässt die Erde durch die Finger rieseln. „Die ist so dunkel, weil wir weniger düngen.“ Eine Entscheidung für weniger Ertrag, dafür schmeckten die Kartoffeln besser. Klasse statt Masse, lautet die Devise. Deswegen werden die Kartoffeln auch „gebürstet statt gewaschen“ – um die Nährstoffe in der Schale nicht auszuwaschen. „Die Leute sind erst skeptisch, weil sie nur blasse, abgewaschene Kartoffeln aus dem Supermarkt kennen.“ Aber der Geschmack überzeuge. „Die Leute stimmen ja auf dem Teller ab.“ Seine Stimme verrät, dass ihn seine Kartoffeln mit Stolz erfüllen. Es ist ein entbehrungsreiches Leben, aber reich an Belohnung. „Das Tolle ist, man kann das ganze Jahr beobachten, wie das, was man gesät hat, wächst.“

Wenn sich auch viel in der Landwirtschaft geändert hat, vieles ist gleich geblieben. Das Arbeiten mit und in der Natur, in Abhängigkeit von den Jahreszeiten, alles ist den Launen des Wetters unterworfen. Und: „Es ist immer noch harte Arbeit. Mein Rücken weiß, dass es so ist. Aber ich mache weiter, solang mein Kreuz mitmacht“, so Martin Krist. Seine Arbeit erfüllt ihn. Er hat das Ergebnis vor Augen, kann es anfassen und essen. Alles neu macht der Mai – für den Bauern gilt diese Regel nicht unbedingt. Und das findet Landwirt Krist auch gut so.

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