Ikonen des Trash

Auch mal da ausgehen, wo es weh tut: Ein Rundgang durch Eckkneipen

Das „Billard Eck“, das mit „gepflegten Bieren, diversen Schnäpsen, Futschi 1 Euro“ wirbt, ist bereits geschlossen: Hier gelten die zünftigen Öffnungszeiten von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends – eine Tageskita für Erwachsene sozusagen. Ein Blick in „Keglers Eck“ lässt unseren Heldenmut sinken: Die nikotingetränkte Trostlosigkeit eines mit Neonlicht erhellten Kneipenraumes, in dessen Mitte ein Männer-Grüppchen kauert – dieses Stillleben, aus einem Edward Hopper Gemälde entnommen, wollen wir nicht zerstören und ziehen uns zurück. Gleich an der nächsten Ecke leuchtet die hoffnungsfrohe Leuchtreklame der Kneipe „Minitropa“: Sie begrüßt uns mit der klassische Dramaturgie von fünf Männern, die an dem Tresen hocken, und dahinter einer Frau im bunt-geringelten Wollpullover.

„Hei Schätzchen, kannst du mir sagen, was du trinken magst?“, ist die légère Begrüßung von Jutta, die ihrerseits von den Kneipenbesuchern ‚Schätzchen’ gerufen wird. Die ungezwungene Anrede hält den Abend über an und hat am Ende sogar etwas Vertrautes. Ein wenig eingeschüchtert von der verbalen Umarmung bestellen wir Naheliegendes: eine Runde Cuba Libre. Anstelle von tropischem Flair orientiert sich das Interieur des „Minitropa“ stringent an dem Charme einer Hobbykellerbar: Die hellen Fichtenholz-Eckbänke in Saunaoptik sind sichtbar selbst gezimmert „von einem Kumpel“, wie Schätzchen, pardon Jutta, zu Protokoll gibt. Der aubergine gefärbte Mecki-Vokuhila von Jutta, die raffinierten indirekten Lichtelemente – blaue Glasflaschen, rosa Blumenkelch-Lampen und Decken-Leuchtplatten – sowie das Repertoire der Bilder scheint in die 90er entrückt: Ein schwarz-weißes Plakat aus der „Bravo“-Kollektion, auf dem nur die Lippen einer Frau knallrot leuchten, ist akribisch im 45 Grad Winkel an der Wand drapiert. Und die verspiegelte Bar mit ihren türkis-marmorierten Schmuckelementen hat den Flair eines Badezimmers. Ein isoliert sitzender Langhaariger mit Lederweste in der Sitzecke gegenüber scheint sich hingegen aus den 70ern hierher gerettet zu haben. Er bleibt stumm, wedelt mit der leeren Flasche zur Bestellung, während an der Theke ein Streit entflammt zwischen Klaus, in weißem ‚Germany’-Pulli, und Blacky über dessen ukrainische Frau, die er geheiratet hat. Irgendwann wird es auch der ansonsten farbenfrohen Jutta zu bunt, sie versucht zuerst als Mediatorin die Fronten zu schlichten: „Jetzt haltet ihr alle Beide mal die Schnauze!“ und entscheidet dann unerbittlich: „So Klaus, du geht’s jetzt nach Hause! Du hast genug Mist geredet.“ Ein verblüffter Blick aus Klaus Aquariumglas-Brille und er reagiert zwar murrend, aber folgsam auf ihre Anweisung.

Mit unserer dritten Runde Cuba Libre, deren Alkoholgehalt sich stetig zu steigern scheint, haben wir auch das Geheimnis der Türhinweisschildes gelüftet, das da lautet: „Hinknien, anklopfen und um Audienz bitten!“ – es ist ernst gemeint. Der Stumme scheint der neuralgische Punkt der Türpolitik zu sein, er ruft plötzlich: „Da will jemand rein!“ Von innen steckt ein Schlüssel an der abgeschlossenen Tür, bei jedem neuen Gast wird kurz diskutiert: „Dat ist Jürgen, der darf rein.“ Jutta holt mit ihrer rauchig tiefen Stimme aus: „Ich bin vor vier Jahren hier überfallen worden – mit blutig Zusammenschlagen und auf dem Boden liegen. Seitdem ist das so.“ Am nächsten Tag habe sie gleich wieder hinter der Theke gestanden: „Mit offener Fresse, aber ich wollte das.“ Seit elf Jahren arbeite sie hier, denn das „Minitropa“ sei eine Art Familienersatz: „Die meisten, die hier hinkommen, leben allein und wissen genau, dass ich ihnen zuhöre.“ Wir verlassen diese Wohnzimmer-Atmosphäre mit einem breiten Lächeln.

Auf einen Absacker wanken wird in „Liesert’s Falckensteiner“. Die Kneipe öffnet seit 40 Jahren um 10 Uhr morgens, wird von Mutter, Vater und Sohn Liesert betrieben und hat die wahrscheinlich aufwendigste Fensterdekoration der Berliner Kneipenszene: Im Frühling ein putziges Vorgartenidyll samt Rehkitz, jetzt zum Herbst Kürbisse, bunte Blätter und eine Vogelscheuche. Hier herrscht bierselige, wortlose Beschaulichkeit. Ein kurzes Nicken, eine simple Bestellung. Dann stellt das Schweigen eine Art stille Verbrüderung her, die Blicke gehen genau bis zu dem Glas, das vor einem steht, und verlieren sich in innerer Einkehr.

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