Die Regierung zahlt die Getränke

Am Beispiel Malawi wird deutlich, warum sich die Pressefreiheit in vielen afrikanischen Staaten nur schwer durchsetzt

LILONGWE. Pressetermin in der malawischen Hauptstadt Lilongwe: Die Regierung will ein Hotel schließen, angeblich weil die sanitären Einrichtungen marode sind und die Stromversorgung nicht funktioniert. Admone Munthali, der Ministerialsekretär für Tourismus und Hotels von Malawi hat Journalisten zur Ortsbegehung geladen. Zwei Stunden wird Munthali die Reporter durch das Gebäude führen, wird ihnen defekte Klospülungen, ruinierte Duschen und kaputte Lichtschalter zeigen. „Dieser verwahrloste Zustand ist der Grund für die Schließung dieses Etablissements“, doziert der Politiker.

Auch eine Reporterin des ersten privaten Radiosenders in Malawi, Radio Capital FM, ist gekommen, um sich einen Überblick über die Zustände in der Absteige zu verschaffen. Als sie den Ministerialbeamten anschließend zu den wahren Hintergründen der Hotelschließung befragt, reagiert der unwirsch: „Prostituierte? Ja, davon habe ich auch schon gehört. Aber darüber ist mir nichts bekannt,“ diktiert Munthali mit mürrischem Gesicht in ihr Mikrofon. Hinter seinem Rücken stöckeln junge Mädchen in knappen Röcken. Ein ungewöhnlicher Anblick in dem extrem christlich konservativen Land im Südosten Afrikas. Völlig üblich hingegen ist der Zustand des Hotels. Abgesehen von ein paar wenigen First-Class-Residenzen ist der Zustand normal in diesem Land, das mit einem Pro-Kopf-Einkommen von unter 150 Euro im Jahr zu einem der ärmsten der Welt gehört.

Das weiß natürlich auch der Ministerialsekretär. Und er weiß, dass seit Mitte der 80er Jahre das Hotel im Zentrum von Lilongwe zu einem Anziehungspunkt für Prostituierte aus dem benachbarten Sambia und Simbabwe geworden ist. Da Prostitution in Malawi aber illegal ist, wurde diese Angelegenheit bis zuletzt tabuisiert. Von den Journalisten wird selbstverständlich erwartet, dass sie die Argumentation der Regierung übernehmen. Auch die Reporterin von Radio Capital FM kehrt mit den offiziellen Statements in ihre Redaktion zurück. Das Hauptstadtbüro von Radio Capital FM ist ein zwölf Quadratmeter großer Raum mit vier Schreibtischen. Es gibt kein Internet, keinen Computer. Telefon und das Faxgerät funktionieren nicht, weil kein Geld für die notwendigen Prepaid-Karten vorhanden ist. Die Redakteure Grace Kapula und Nchindi Kendi haben private Handys. Beide warten seit Ende letzten Jahres auf ihren ausstehenden Lohn von monatlich ungefähr 50 Euro – Journalisten in Malawi brauchen ein gewisses Maß an Idealismus.

Zumal Medien- und Meinungsfreiheit in dem Land immer noch bedroht sind. So werden etwa Pressetermine nicht direkt an die Redaktionen geschickt, sondern von der einzigen malawischen Nachrichtenagentur, der staatlichen MANA, gesammelt und an die Redaktionen verteilt. Nach einem Pressetermin bei einem privatem Unternehmen oder einer Nicht-Regierungs-Organisation erhält jeder anwesende Journalist 2 000 Kwacha, umgerechnet sechs Euro, „für Getränke“, wie es heißt. Nach Presseterminen von Ministerien bekommt er das Doppelte. Überflüssig zu erwähnen, von welchen Presseterminen häufiger berichtet wird.

Journalisten verhaftet

Und das sind nur die subtilen Methoden, Einfluss auf die Medien auszuüben. Zwar wurde die Pressefreiheit 1992 in der Verfassung festgeschrieben. Die Experten des MISA, des „Medieninstituts für das südliche Afrika“ urteilten aber unlängst, dass Malawi in Bezug auf Pressefreiheit noch einen „langen Weg zu gehen“ hat. Zwanzig Fälle von verletzter Pressefreiheit wurden allein im Jahre 2004 dokumentiert. Journalisten wurden wegen regierungskritischer Äußerungen verhaftet, verurteilt oder bedroht. Grace Kapula und Nchindi Kendi von Radio Capital FM hatten bislang Glück. Journalismus in einem Land, in dem 20 Jahre Diktatur herrschte, bedeutet auch, besonders vorsichtig sein zu müssen.

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