Auf nach Honolulu

Und tschüß, alte Heimat: Viele junge Akademiker gehen ins Ausland, weil sie dort mehr verdienen, die Berufsaussichten besser sind oder Deutschland sie nervt. Fünf Auswanderer erzählen vom Leben auf Hawaii, in New York oder Norwegen – und was sie am meisten vermissen

„Ich wandere aus“ – das ist schnell dahin gesagt. Doch es gibt Menschen, die machen ernst. Im Jahr 2006 verließen 155.000 Deutsche ihre Heimat, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Ihre Ziele: Rund 18.000 Deutsche gingen in die Schweiz und knapp 14.000 in die Vereinigten Staaten.

Die Schweiz hat die Vereinigten Staaten damit als Lieblingsziel der deutschen Arbeits-Emigranten abgelöst. Fast 180.000 leben schon dort. „Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?“, fragte das Boulevardblatt „Blick“ besorgt – kulturelle Verstimmungen sind im Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen nicht gerade selten.

Weitere beliebte Ziele: Letztes Jahr zogen etwa 7600 Deutsche nach Frankreich, immerhin 1500 nach Norwegen – fast dreimal so viele wie im Jahr 2000. Viele verlassen Deutschland, weil anderswo attraktivere Gehälter winken, neue Berufserfahrungen locken oder sie der Arbeitslosigkeit entfliehen wollen. Manche lassen sich auch von Morgenbädern im Meer oder der Nähe zur Skipiste verführen.

Natürlich ist im Ausland nicht alles rosarot: Nach einer Studie des Expatriate-Portals „Just Landed“ empfinden zwei Drittel aller Auswanderer den Neustart im Ausland als „schwieriger als erwartet“ – und 71 Prozent möchten irgendwann nach Deutschland zurück. Vor allem die ersten Monate in der Fremde halten harte Prüfungen bereit. Dazu zählen Alltagsprobleme wie Wohnungssuche oder das Erlernen der neuen Sprache, 85 Prozent der Auswanderer beschäftigt aber der Umfrage zufolge vor allem das Einleben in der neuen Kultur und 72 Prozent der Aufbau eines neues Freundeskreises. SPIEGEL ONLINE stellt fünf Menschen vor, die den Aufbruch wagten und über ihre Erfahrungen erzählen.

Schweiz, Zürich: Cornelius Müller, 32, Usability Consultant, hat sein Kreuzberg36-Shirt mitgenommen

Nach meinem Psychologie-Studium habe ich in einem kleinen Berliner Unternehmen als Junior Consultant gearbeitet. Insgesamt war das eine negative Erfahrung: schlechte berufliche Absicherung, wenig Aufstiegschancen, ein angespanntes Betriebsklima. Ich hatte wenig Mitspracherecht und kaum Entscheidungsspielraum. Also habe ich gekündigt. Mehrere Vorstellungsgespräche folgten – doch alle anderen Unternehmen boten dasselbe in Grün. Natürlich hat das Leben in der Schweiz auch seine Schattenseiten. Meine Aufenthaltsbewilligung ist an den Arbeitsvertrag gekoppelt, für meine Freundin und unsere Tochter musste ich einen sogenannten Familiennachzug beantragen. Kitaplätze und Wohnungen sind teuer – wir müssen beide arbeiten, um sie uns leisten zu können. Die Menschen sind reservierter, prüder, aber auch weltoffener. Ich bin froh, dass ich meine Heimat hinter mir gelassen habe. Behalten habe ich nur mein Kreuzberg36-Schlaf-Shirt.

Als ich bei einem Schweizer Telekommunikationsunternehmen genommen wurde, war es ein Sprung ins kalte Wasser; ich hatte kaum Vorstellungen vom Leben in der Schweiz. Doch all meine Erwartungen wurden übertroffen: Ich habe einen Superchef, interessante Aufgaben, darf Entscheidungen treffen und bekomme ein höheres Gehalt. Gekrönt wird das Ganze vom ‚FAB‘, dem Freitag-Abend-Bier. Dabei lernt man sich auch über die Arbeit hinaus kennen. In Zürich gibt es viele kostenlose Badeanstalten und Clubs. Man ist ruckzuck in den Bergen, kann segeln, surfen und am Wochenende mal snowboarden oder in den französischen Seealpen Motorrad fahren.“

Hawaii, Honolulu: Philip Tovote, 32, Assistant Researcher in Neurowissenschaften, schaut manchmal „Tatort“-DVDs

„Nach meiner Promotion am Max-Planck-Institut wurde mir eine Stelle in einem neurowissenschaftlichen Programm auf Hawaii angeboten. Erst war ich skeptisch, weil es so weit weg ist. Dann hat mich das Projekt gereizt: Wir bauen ein Labor komplett neu auf. So versucht Hawaii, aufzuschließen und hochklassische Forschung zu etablieren. Es ist toll hier zu leben: Die Natur ist überwältigend, wir haben Wasserfälle, Canyons, Regenwald, Vulkane und natürlich den berühmten Surf-Wellengang. Die Bevölkerung besteht jeweils aus einem Viertel ‚Caukasian‘ (Weiße) und Asiaten, der Rest sind Kama’aina (Hawaiianisch für ‚Kinder des Landes‘). Es herrscht der ‚Aloha‘-Spirit: Alle versuchen, nett und friedlich zu sein, denn alle wohnen im Paradies.

Eine Herausforderung ist für mich die Konfliktunfähigkeit. In Deutschland äußert man Kritik unverblümt – hier scheuen die Menschen die direkte Konfrontation, Fehler werden gedeckelt. Wir sind inzwischen seit zwei Jahren hier und wollen noch zwei weitere Jahre bleiben. Für meine Frau Katrin war es anfangs schwierig, ein Arbeitsvisum zu bekommen. Ich vermisse die europäische Architektur – Honolulu besteht aus Holzhütten und dem Betonwahnsinn der Touristenbettenburgen.

Fahrradfahren grenzt an Selbstmord. Der Mietmarkt ist umkämpft und teuer. Beim Einkaufen muss man auf Sonderangebote achten. Sonntags gucken wir manchmal importierte ‚Tatort‘-Folgen auf DVD, die uns trotz oder vielleicht gerade wegen der Spießigkeit ein Stück Heimat vermitteln.“

Frankreich, Paris: Patrick Ingiliz, 32, Arzt für Infektionskrankheiten

„Ich war ein Jahr als Entwicklungshelfer in Malawi und habe anschließend keine passende Stelle im HIV-Bereich in Berlin gefunden. Über ein europäisches Austauschprogramm bin ich nach Paris gekommen. Im Anschluss an mein Stipendium haben sie mir eine Stelle angeboten. Man wird hier viel mehr für seine Arbeit geschätzt. Finanziell ist es nicht unbedingt lukrativer, hier zu arbeiten. Die Miete ist hoch: Für mein Zimmer in einer Zweier-WG zahle ich 700 Euro. Was mir besonders fehlt, sind alte Bekannte. Natürlich ist es ein Handicap, dass Französisch für mich eine fremde Sprache ist. Damit bewege ich mich nicht so leicht.

Trotzdem ist es gut, dass ich hier bin. Ich möchte perspektivisch in internationalen Organisationen wie der WHO oder Uno arbeiten und habe so die Chance, eine neue Sprache zu beherrschen und meinen Lebenslauf aufzuplustern.“

USA, New York: Ingo Peters*, 38, Übersetzer, hat Knut als Plüschtier

„Nach meinem Germanistik-Studium war ich für die Arbeitslosigkeit prädestiniert. Ich habe ein Jahr als freiberuflicher Übersetzer und Lektor gearbeitet, bin Aufträgen hinterher gelaufen und wurde nur unregelmäßig bezahlt. Das brachte mich dazu, bei einem Medien-Start-Up-Unternehmen anzufangen. Es ging nach sechs Monaten pleite. Seit fünf Jahren arbeite ich nun bei einer amerikanischen Nachrichtenagentur, die ersten viereinhalb Jahre noch in Deutschland. Dann, vor einem halben Jahr, fragten sie mich wegen New York, und ich sagte sofort zu. Ich liebe diese außergewöhnliche Stadt, schätze die flachen Hierarchien und dass es nicht so beamtenmäßig zugeht wie in Deutschland. Natürlich ist das Leben hier auch anstrengend. Statt 40 Stunden in der Woche arbeite ich regelmäßig 50 Stunden. Anstrengend finde ich auch die hohen Sicherheitsvorkehrungen. Man muss an der Freiheitsstatue seine Fingerabdrücke abgeben. Alle Menschen kommen mir sehr schreckhaft vor.

Für den Fall, dass es mir hier irgendwann nicht mehr gefällt, habe ich keinen Plan B. Für zwei bis drei Jahre habe ich sicher zugesagt, denn damit kann ich mich profilieren und habe bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ein Ort, der mich noch reizen würde, ist Tokio, weil mir die Kultur dort völlig fremd ist. Wenn ich wirklich auf Dauer in den USA bleiben will, müssen meine Freundin und ich jetzt erst einmal heiraten – damit sie nachkommen kann. Bis dahin habe ich Knut als Plüschtier.“ (*Name von der Redaktion geändert)

Norwegen, Stavanger: Steffen Link, 29, Mechatroniker, verdient in Norwegen einfach mehr und will nie wieder in Deutschland arbeiten

„Seit einem knappen halben Jahr arbeite ich hier in Norwegen als Mechatroniker. Ich stelle Motorteile, Gehäuse für Ölplattformen und Flügelräder her. Damit verdient man in Deutschland 1400 Euro – in Norwegen 5000 Euro. Natürlich sind die Lebenshaltungskosten hier auch wesentlich höher, aber unterm Strich bleibt mehr übrig. Mit der Sprache hapert es noch ein wenig, aber die Leute sind sehr freundlich und sehen es einem nach.

Ganz anders war das Betriebsklima in der deutschen Firma, in der ich während meiner Ausbildungszeit gearbeitet habe: Der Leistungsdruck war höher, und die Leute haben versucht, Fehler bei anderen zu finden. Hier ist es viel relaxter. Die Kollegen sind netter, vor allem habe ich mehr Verantwortung. In meiner eigenen Werkstatt bekomme ich einen Auftrag und setze ihn nach meinen Vorstellungen um. Oft sind die Kollegen begeistert von meinen Vorschlägen und übernehmen sie.

Ich bin froh, dass ich Deutschland den Rücken gekehrt habe, und will nie wieder dort arbeiten. Gewöhnungsbedürftig fand ich nur, dass ab 20 Uhr kein Bier mehr ausgeschenkt wird, samstags sogar schon ab 13 Uhr. Ansonsten genieße ich die Natur: Entweder kann man in einer halben Stunde zum Surfen am Strand sein oder im Winter zum Snowboarden in den Bergen.“

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